5.2.2   Grenzwerte für Stoffgemische

Grenzwerte nur
   für Einzelstoffe        

 


Grenzwerte gelten bis auf wenige Ausnahmen für einen einzelnen Gefahrstoff. Nur in Ausnahmefällen gehen die Beschäftigten aber mit einem einzigen Stoff um. Fast immer werden Produkte aus mehreren Stoffen eingesetzt. Dies bedeutet, dass gleichzeitig oder nacheinander eine Belastung durch verschiedene Stoffe stattfindet. In dieser Situation kann die gesundheitsschädliche Wirkung eines Stoffes erheblich verstärkt, ggf. auch vermindert werden. Die Kenntnisse über derartige Wechselwirkungen sind recht mangelhaft, so dass Grenzwerte für Gemische mehrerer Gefahrstoffe wissenschaftlich nicht zu begründen sind. Die MAK-Kommission hat daher für Stoffgemische bisher keine Grenzwerte verabschiedet. Zudem wurde dargelegt, dass für das Problem der quantitativen Erfassung und Beurteilung von Kombinationswirkungen chemischer Stoffe generelle wissenschaftliche und speziell toxikologische Lösungen nicht zu erwarten sind. Es wurde vorgeschlagen, in der Diskussion um kombinierte chemische Belastungen eine

"saubere gedankliche Trennung von
a) toxikologisch wissenschaftlichen Grundlagen
b) wissenschaftlichen und regulatorischen Konventionen und
c) politischen Setzungen
vorzunehmen. Die dringend erforderlichen praktischen Vorgehensweisen müssen vielfach Kompromisse schließen."20

Der Ausschuss für Gefahrstoffe hat aber pragmatische Ansätze geliefert, mit denen auch Stoffgemische bewertet werden können. Die Technische Regel für Gefahrstoffe 403 und die Grenzwerte für Kohlenwasserstoffgemische in der TRGS 900 erlauben zumindest in vielen Fällen eine Beurteilung von Stoffgemischen.


5.2.2.1 TRGS 403 - Stoffgemische -

Bewertungsindices  

 


Die TRGS 403 'Bewertung von Stoffgemischen in der Luft am Arbeitsplatz' zeigt einen pragmatischen Weg auf, wie Stoffgemische am Arbeitsplatz beurteilt werden können. Im wesentlichen werden die Schadstoffindices - der Schadstoffindex I ist der Quotient aus der für den Stoff ermittelten Konzentration und dem zugehörigen Grenzwert - der einzelnen Stoffe zum Bewertungsindex addiert:

        

Liegt der Bewertungsindex BI über 1, ist der Summengrenzwert überschritten.

Addiert werden können Schadstoffindices aber nur, wenn auch Grenzwerte für die einzelnen Stoffe existieren. Dies ist jedoch nicht die einzige Einschränkung der TRGS 403. Für Stoffe mit MAK-Werten und für Stoffe mit TRK-Werten müssen getrennte Bewertungsindices gebildet werden. In der TRGS 403 vom Oktober 1989 heißt es zudem, dass bei der Summenbildung in der Regel nur die Stoffe berücksichtigt werden sollen, deren Konzentrationen größer als 10% des Grenzwertes sind. Da diese Einschränkung jedoch nur vorgesehen war, weil damals die Nachweisgrenze oft im Bereich von 1/10 des Grenzwertes lag, können bei der heutigen Leistungsfähigkeit der Analytik auch Schadstoffindices unter 0,1 in die Addition zum Bewertungsindex einbezogen werden.


5.2.2.2 Grenzwerte für Kohlenwasserstoffgemische

Gemische von Kohlenwasserstoffen sind als Lösemittel in Lacken, Klebstoffen, Holzschutzmitteln usw. enthalten. Vor allem, wenn Siedegrenzenbenzine eingesetzt werden, die lediglich durch einen Siedebereich definiert sind, liegt eine Vielzahl von zumeist mehreren hundert Einzelstoffen vor, die unter dem Begriff 'Kohlenwasserstoffe' zusammen gefasst werden. Die Bestimmung der Konzentrationen aller Einzelstoffe in der Luft am Arbeitsplatz wird dann extrem aufwendig und die Quantifizierung einer eventuellen Gesundheitsgefahr ist aufgrund fehlender Grenzwerte bei der Mehrzahl der Stoffe nicht möglich.

TRGS 900 bietet
   pragmatische
   Lösung                    

 



Mit den Grenzwerten für Kohlenwasserstoffgemische in der TRGS 900 wird eine einfache Messung und Beurteilung der Exposition ermöglicht. Es werden fünf Grenzwerte angegeben, die sich auf unterschiedliche Gehalte der Kohlenwasserstoffgemische an n-Hexan und an aromatischen Kohlenwasserstoffen beziehen.

Tabelle 21: Grenzwerte für Kohlenwasserstoffe

Gruppe 1   200 ml/m3
aromatenfreie entaromatisierte Kohlenwasserstoffgemische mit einem Gehalt an  
- aromatischen Kohlenwasserstoffen < 1 %  
- n-Hexan < 5 %  
- Cyclo-/Isohexane < 25 %  
Gruppe 2   100 ml/m3
aromatenarme Kohlenwasserstoffgemische mit einem Gehalt an  
- aromatischen Kohlenwasserstoffen 1 - 25 %  
- n-Hexan < 5 %  
- Cyclo-/Isohexane < 25 %  
Gruppe 3   50 ml/m3
aromatenreiche Kohlenwasserstoffgemische mit einem Gehalt an  
- aromatischen Kohlenwasserstoffen > 25 %  
Gruppe 4   50 ml/m3
sonstige Kohlenwasserstoffgemische mit einem Gehalt an  
- n-Hexan > 5 %  
Gruppe 5   170 ml/m3
iso-/cyclohexanreiche Kohlenwasserstoffgemische mit einem Gehalt an  
- aromatischen Kohlenwasserstoffen < 1 %  
- n-Hexan < 5 %  
- Cyclo-/Isohexane < 25 %  

Die Grenzwerte der Tabelle 21 beziehen sich auf Kohlenwasserstoffe, die als gängige Stoffgemische unter den unterschiedlichsten Bezeichnungen bekannt sind: Testbenzin, Siedegrenzenbenzin, Spezialbenzin, White spirit, Solvent naphta, Kristallöl usw.

BAT-Wert und
   'Norm'-Wert          

 



Vor einer Bewertung der Kohlenwasserstoffexposition sind Ermittlungen bezüglich der Produktzusammensetzung notwendig. Insbesondere muss festgestellt werden, welcher der fünf Grenzwerte heranzuziehen ist. Dabei ist zu berücksichtigen, dass

· beim Vorhandensein mehrerer Kohlenwasserstoffgemische der niedrigste Grenzwert der eingesetzten Gruppen heranzuziehen ist,
· der niedrigste der fünf Grenzwerte dann heranzuziehen ist, wenn die Zuordnung der Zubereitung nicht möglich ist,
· nicht eindeutig identifizierbare Stoffe wie Kohlenwasserstoffe auszuwerten sind.

Der Unternehmer kann mit Hilfe der Grenzwerte für Kohlenwasserstoffe die Arbeitsplätze der Beschäftigten jetzt wesentlich besser beurteilen. Er benötigt dazu allerdings nähere Angaben zu den Inhaltsstoffen als bisher. Zur richtigen Anwendung der Kohlenwasserstoffgrenzwerte muss nicht nur der Aromaten-, n-Hexan- und Cyclo-/Isohexan-Gehalt des eingesetzten Testbenzins bekannt sein, sondern darüber hinaus auch die weiteren Inhaltsstoffe sowie Angaben zu deren Gehalten.


20 Bolt, H.M.: Kombinierte chemische Belastung am Arbeitsplatz. Arbeitsmed. Sozialmed. Umweltmed. 29, 1994, Seite 442 - 443


Stand: 05/2001
 

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